Der Unterricht


Auf diesen Seiten wollen wir Ihnen zeigen, wie wir die in unserem Leitbild formulierten Ziele konkret umsetzen.

Als Gesichtspunkt für die Gestaltung des Unterrichts gilt für uns nicht das jeweils gerade vorherrschende Gesellschaftsideal, wie Schüler zu sein haben. In einer kurzlebigen Zeit birgt jede frühe Spezialisierung oder Eingrenzung große Risiken. Die benötigten Fähigkeiten ändern sich rasant. Also ist Flexibilität und ständige, lebenslange Lernbereitschaft gefragt.

Das Lernen lernen und das Lernen lieben ist für die Zukunft bedeutsam. Die Vermittlung solcher Fähigkeiten sieht in den einzelnen Altersstufen verschieden aus.

Der Klassenlehrer unterrichtet in der Waldorfschule im Idealfall "seine" Klasse vom ersten bis zum achten Schuljahr jeden Morgen im sogenannten Hauptunterricht, zwei Schulstunden lang, in Epochen (siehe dort) in den verschiedenen Fächern. Danach übernehmen die Fachlehrer die verschiedenen Unterrichte.

Die Waldorfschulen verzichten auf Notengebung und ein Versetzungssystem. Es besteht die große Anforderung an den Waldorflehrer, die Schüler trotzdem - immer und überall!- für den Unterrichtsstoff zu interessieren. Nur der Unterrichtsgegenstand selber darf der Antrieb zum Lernen sein und nicht äußere Maßnahmen.

Funktioniert das? Wird da überhaupt gelernt?

Die Antwort darauf ist sehr differenziert: so individuell wie die Schüler selbst. Die meisten Schüler wollen lernen. Das Problem liegt eher im Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit; der junge Mensch schafft es oft nicht, das zu tun, was er sich vornimmt. Dieses Problem geht uns ja alle mehr oder weniger an. An der Waldorfschule sollen die Schüler aber nicht ein "Willenskorsett" verpasst bekommen, indem sie durch die Drohung der Nichtversetzung zur Leistung gezwungen werden. Die Waldorfschule sucht andere Methoden, um die Schüler zur Leistung anzuhalten. Das "Lernen in Bildern" und das "Lernen in Rhythmen" trägt dazu bei. In der Unter- und Mittelstufe werden "gute Gewohnheiten" angelegt, die auch helfen, später in der Oberstufe ein gediegenes Lernklima zu schaffen.

Wenn uns ein Problem plagt, so hört man oft den Rat: „Schlaf doch mal drüber!“

Dahinter steckt die Erfahrung, dass ein Problem, das in die Nacht hinüber genommen wird, am nächsten Tag ganz anders aussieht oder neue Aspekte zeigt. Dasselbe gilt auch für Lernvorgänge. Was an einem Tag aufgenommen oder geübt wurde, tritt am nächsten Tag in verwandelter Form, z. B. als Können wieder hervor. Wenn wir etwas vergessen, verschwindet es nicht einfach aus unserem Bewusstsein. Das Vergessen ist ein aktiver Vorgang, bei dem das Aufgenommene verarbeitet und verwandelt wird. Diese Erfahrungen, die man als Lehrer täglich machen kann, werden in der Waldorfpädagogik ganz bewusst für die Förderung der Lernvorgänge eingesetzt.

Ein Beispiel dafür ist der Epochenunterricht. Bei dieser Unterrichtsform wird ein Fach über 3 bis 4 Wochen jeden Tag in den ersten Stunden (dem Hauptunterricht) gegeben. Auf diese Weise kann das, was an einem Tag aufgenommen wurde, jeweils durch den Schlaf in den nächsten Tag getragen werden. Lernen wird auf diese Weise nicht zu einem linearen Vorgang, bei dem stets weiteres Wissen angehäuft würde, es wird zu einem Rhythmus, in dem Aufnehmen, Vergessen und Erinnern gleichermaßen zum Lernvorgang beitragen.

Die Konzentration auf ein Thema über mehrere Wochen ermöglicht es den Schülern außerdem sich intensiver mit dem Stoff zu verbinden, tiefer einzutauchen, als es mit über die Woche verteilten Fachstunden möglich ist. Deswegen wird dieses Prinzip auch in manchen Fachunterrichten eingesetzt, z.B. im Bereich Handwerk und Kunst in der Oberstufe.

"Lernen in Bildern"

Mit Eintritt in die Schule werden die Kinder fähig, die Welt nicht nur in ihren äußeren Erscheinungen kennen zu lernen, sondern sie mit innerlicher seelischer Kraft zu durchdringen. In diesem Alter sind die Kinder gefühlsbetonte Wesen.

Daran knüpft der Unterricht in seiner Methodik an – Bildhaftigkeit und Gefühlswärme werden vermittelt. Das Schreibenlernen in der 1. Klasse beginnt mit Übungen im Formenzeichnen und Malen.

Dabei erleben die Kinder die Formen noch losgelöst von ihrer Bedeutung, erst später werden sie diese in den Buchstaben wiederfinden. Das Malen erschließt die reiche Welt der Farben so, dass die Kinder Gefühlsqualitäten an ihnen erspüren lernen. Die Buchstaben entwickeln sich für die Kinder aus Bildern und Erzählungen, wobei der Lehrer versuchen wird, die Geschichte so reich wie möglich auszuschmücken, um die Phantasie der Kinder zu wecken. Der Vokal U könnte z.B. mit der Geschichte über die Wanderung durch eine Schlucht bei anbrechender Dunkelheit eingeführt werden. Die Kinder erleben durch die Erzählung des Lehrers, wie in der dunklen Schlucht die Augen zur Ruhe kommen, dafür die Ohren um so eifriger hören können - Geräusche von Bäumen und Büschen, das Murmeln eines Baches oder die Rufe des Uhus durch die Nacht. Am nächsten Tag wird der Lehrer im Nacherzählen durch die Kinder bemerken, welche Vielfalt an Eindrücken bei ihnen hervorgerufen wurde. Mit großem Eifer malen dann die Kinder das Bild der Schlucht von der Tafel ab. Aus dem Bild der Schlucht lässt sich der Buchstabe U leicht entwickeln, doch er wurde nicht als abstraktes Bild eingeführt.

Auch in den anderen Fächern wird in dieser Weise verfahren. Rechnen erscheint nicht als abstraktes Zahlenwerk; Heimatkunde, Sternenkunde, Tier- und Pflanzenkunde werden unter den dargestellten Gesichtspunkten an die Kinder herangetragen. Dies gilt auch für den Fremdsprachenunterricht und alle anderen Fachunterrichte, die an den Hauptunterricht anschließen. Die einzelnen Fächer ermöglichen die Betonung verschiedener Aspekte bildhaften Lernens, so dass Einseitigkeit vermieden werden kann. Ziel hierbei ist, ein dem jeweiligen Entwicklungsstand der einzelnen Kinder angemessenes reiches und gesundes seelisches Leben zu ermöglichen neben der auch erforderlichen Wissensvermittlung. Im Unterricht wird versucht, die einseitige Beanspruchung von Denken, Fühlen und Wollen zu vermeiden oder zumindest zu mildern. Dazu muss er lebendig-abwechslungsreich, eben künstlerisch gestaltet sein, um die verschiedenen Schichten der Schüler anzusprechen und Interesse zu wecken.

Das stabile Gefühlsleben in diesem Lebensabschnitt soll Grundlage für eine kraftvolle Entwicklung auch der intellektuellen Fähigkeiten in den späteren Schulphasen sein.

In der Unterstufe, 1.bis 4. Klasse, müssen die Inhalte für das Kind im Grundschulalter also nicht gedanklich abstrakt, sondern bildhaft konkret sein.

"Lernen im Rhythmus"

Im Abschnitt über die Unterstufe wurde beschrieben, welche Bedeutung das Bild und bildhaftes Darstellen im Unterricht der Waldorfschule haben. Aus dem Grundprinzip der Waldorfpädagogik, sich an den Entwicklungsschritten des Kinds zu orientieren, ergibt sich, dass jedes Schuljahr seine Eigenheiten hat. Diese kurze Darstellung kann deshalb nur einige wenige Dinge herausgreifen.

In der Mittelstufe, 5. bis 8. Klasse, erwacht das allgemeine Weltinteresse, der Charakter des Unterrichts ändert sich, die Natur, andere Völker, Gesetze der Welt werden kennen gelernt.

So werden zum Beispiel von der 5. oder 6. Klasse an verstärkt handwerkliche Tätigkeiten und naturwissenschaftliche Fächer eingesetzt, um die heranwachsenden Fähigkeiten der Schüler zu fördern. Das kann an verschiedenen Waldorfschulen auf sehr unterschiedliche Weise geschehen.

Wenn auch Unterrichtsinhalte und Methoden sich mit den wachsenden Fähigkeiten der Schüler ständig ändern, zieht sich dennoch eine wichtige Grundlage durch alle Unterrichte hindurch: die Erfahrung, dass rhythmische Vorgänge das Lernen erleichtern. Rhythmus soll alle Tätigkeiten durchziehen, soweit die äußeren Bedingungen es zulassen.

So beginnt man den Unterricht mit jeweils altersgemäßen Sprüchen, Gedichten, Balladen, Liedern. Es wird dadurch nicht nur die Sprache der Kinder gefördert, sondern auch der ganze Körper in Bewegung gebracht und in den Lernvorgang mit einbezogen. Auch das Lernen des Einmaleins in der Unterstufe oder der Fremdsprachen wird durch solchen Rhythmus gefördert.

Ebenso können wir im Aufbau des einzelnen Unterrichts dafür sorgen, dass die Kinder seelisch ein- und ausatmen können, indem Gedächtnis, Eigentätigkeit und Aufnahmefähigkeit abwechselnd gefordert, Konzentration und Entspannung abwechselnd ermöglicht werden.

Von der 5. Klasse an sind unsere Kinder nicht in Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten aufgeteilt, sondern sie werden weiterhin zusammen unterrichtet. Die sozialen Erfahrungen im Zusammenleben und -arbeiten in einer Klassengemeinschaft sind somit ein wichtiges Element der Waldorfpädagogik. Kinder lernen dabei, über viele Jahre miteinander zu lernen, zu leben, sich zu freuen oder zu ärgern. Waldorfpädagogen werden deshalb häufig gefragt, wie es denn möglich sei, Kinder in solch unausgelesenen Klassen zu unterrichten, ohne ihnen mit Noten oder Nichtversetzung drohen zu können. Eine Methode unter anderen ist es dabei, die Motivation der Schüler zu fördern, indem wir solche rhythmischen Gesetze, wie sie im Vorangegangenen beschrieben wurden, in verstärkter Weise nutzen.

Klassenspiel

Im Hinblick auf die sozialen Lernerfahrungen ist es ein ganz besonderes Ereignis, wenn die gesamte 8. Klasse ein Bühnenstück aufführt. Es fordert alle Fähigkeiten der Schüler zu einer Gemeinschaftsleistung, mit der sie die Klassenlehrerzeit abschließen, um in der Oberstufe dann einem Kollegium von Fachlehrern gegenüber zu stehen.

 

"Vom Interesse für die Welt zum selbstständigen Urteil"

Erziehung zur Freiheit" - "Das Haupt frei tragen" - "Vor keiner Autorität kuschen" - "Das Rückgrat nicht verbiegen" - das sind Haltungen, die Waldorflehrer gerne ihren Oberstufenschülern für ihren weiteren Lebensweg mitgeben. Die physische Geschlechtsreife, die schon vor der 9. Klasse abgeschlossen ist, markiert einen neuen Lebensabschnitt: Rudolf Steiner weist darauf hin, dass man treffender von "Erdenreife" sprechen sollte, denn diese Zeit beinhaltet nicht nur das erwachende Interesse für das andere Geschlecht, sondern auch die Möglichkeit, Interesse für die Welt überhaupt zu entwickeln, aus eigenem Antrieb heraus, und nicht mehr durch die Vermittlung einer erwachsenen Persönlichkeit. Dies ist das Alter der Extreme, "Ich" und "Welt" sollen zusammenkommen, genauso besteht die Tendenz, sich nur mit sich beschäftigen zu wollen, sich von der Welt abzuschnüren.

Um zu einer reifen, würdigen Lebensgestaltung hinzuführen, versuchen die Waldorflehrer ein umfassendes Weltinteresse bei den Schülern dieses Alters zu wecken - d.h. gegebenenfalls die Schüler regelrecht "von sich selbst" abzulenken. Dafür wird eine große Stofffülle geboten. Im Laufe der vier Jahre wird alles, was in den ersten acht Jahren an die Schüler herangeführt worden ist, noch mal aufgegriffen und auf einer neuen Ebene behandelt. Jetzt wollen wir die Schüler zum selbständigen Beurteilen führen: eigenständiges Erkennen in den natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern, eigenes künstlerisches Gestalten und praktisches Tun werden angestrebt. Der Schüler steht jetzt einem Kollegium von Fachlehrern gegenüber, von denen jeder als Spezialist ihn in sein Gebiet einführen kann.

In der Oberstufe, 9. bis 12. Klasse, können und müssen jetzt dem Alter gemäß, Inhalte in ganz anderer, und zwar gedanklich - begrifflicher Form präsentiert werden. Der Blick für die Lebenswirklichkeit soll auch hier nie verloren gehen. Verschiedene Praktika dienen diesem Anliegen, Technologie und Informatik treten als Fächer hinzu. Sie sollen das Interesse an der Welt erhalten und erwecken und Weltfremdheit vermeiden helfen.

In der 12. Klasse gibt es zum Abschluss der Schulzeit eine Klassenfahrt in Verbindung mit der Architekturepoche. Ein Theaterspiel führt die Klasse am Ende ihrer gemeinsamen Zeit als soziales Ganzes auf andere Weise nochmals zusammen.

Als individuellen Schulabschluss führt jeder Schüler eine so genannte „Jahresarbeit“ durch; das ist ein selbstgewähltes Projekt, das im Laufe eines Jahres erarbeitet und schließlich öffentlich präsentiert wird.

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