Hinweis
Interview: „WEGE ZUR QUALITÄT“

Vater:
Warum braucht die Schule eine Qualitätsentwicklung? Normalerweise kennt man Qualitätsmanagement aus der Industrie oder der Wirtschaft, wo es um bestimmte Produkte und Ihre Qualität geht. Das lässt sich doch nicht mit der Arbeit an einer Schule vergleichen!?
Lehrer:
Natürlich lässt sich eine Schule nicht mit einem Betrieb vergleichen, in dem es um die Umwandlung von Grundstoffen in ein Endprodukt geht. Wir können ja den Ausschuss - wie in der Industrie üblich - nicht aussortieren.
Vielmehr haben wir in einem sozialen Organismus, wie wir unseren „Betrieb“ nennen, eine Beziehungsdienstleistung. Der Schüler ist nicht toter Stoff, den der Lehrer mit Einverständnis der Eltern nach seinen Vorstellungen formt, sondern der Schüler ist ein werdendes, sich entwickelndes Individuum. Der Lehrer bereitet den Boden zur gesunden Entwicklung des Kindes. So muss der Unterricht / die Erziehung auf die Entwicklungsnotwendigkeiten des Kindes eingehen. Die Entwicklung eines Menschen ist eben kein Optimierungsvorgang, sondern vollzieht sich rhythmisch fortschreitend. Denn hier wird der Schüler nicht nur kognitiv, sondern auch seelisch und geistig angesprochen, um sich zu einem sozialen und initiativen Wesen zu entwickeln.
Vater:
Aber was haben die Aufgaben der Lehrer und Erzieher nun mit Qualitätsentwicklung zu tun?
Lehrer:
Eine gute Pädagogik kann sich nur entwickeln und halten, wenn geklärt ist, wie eine Schulgemeinschaft zusammenarbeiten muss. Erst wenn die Schulgemeinschaft bestehend aus Lehrern, Mitarbeitern, Eltern und Schülern ein klare gemeinsame Aufgabenstellung hat, das nötige Können für die Umsetzung der Ziele da ist, die finanzielle Grundlage vorhanden ist, jeder seine Verantwortung für die Aufgabe sieht und Verantwortung, die er für den anderen hat ergreift - erst wenn das alles zusammenklingt, entsteht Qualität.
Vater:
Das klingt ja äußerst kompliziert! Wie ich gehört habe, wird in diesem Qualitätsverfahren mit mehreren Gestaltungsfeldern gearbeitet? Müssen das denn so viele sein?
Lehrer:
Ja, soziale Prozesse sind eben nicht so einfach zu beschreiben wie zum Beispiel die Produktion von Motoren, die immer gleiche Qualitätsmerkmale erfüllen müssen!
Vater:
Können Sie mir zusammenfassend erläutern, was das Verfahren für die Schule bedeutet?
Lehrer:
In unserer modernen Aufgabengemeinschaft ist Eigenverantwortung die Basis für Selbstverwaltung, die in zahlreichen Initiativen, Arbeitskreisen, Gremien und Organen (Vorstand - Schulführungskreis - Schulrat…) unsere Schule trägt. Hinzu kommt, dass der Lehrer stets seine Kompetenzen – sein Können – erweitert, sich fortbildet und sich selbst reflektiert. Dann kann er auch in Freiheit pädagogisch, schöpferisch tätig sein, um auch das Kind am Ende der Schulzeit in Freiheit zu entlassen.
Vater:
Das ist auch in anderen Bereichen unseres Lebens zu sehen, dass Organisationsstrukturen immer mehr auf Eigenverantwortung umgestellt werden…aber funktioniert das in einem so großen Schulbetrieb?
Lehrer:
Wenn nun sicher gestellt ist, dass die Schulgemeinschaft mit diesen Gestaltungsfeldern – an diesen Themen arbeitet, also eine gute Schule werden und bleiben möchte, entwickelt sich bei den Eltern auch das Vertrauen.
Es kann nicht angeordnet aber von Ihnen erbeten werden. Maßnahmen zum Bilden und zum Erhalt des Vertrauens müssen immer wieder neu ergriffen werden. Hier geht es um: Offenheit, Verständnis, Gespräche, Begegnungen, Vereinbarungen usw. sowohl zwischen Lehren, als auch zwischen Lehrern und Eltern.
Kommt es nun zu einer Verbindung zwischen Elternhäusern und Schulgemeinschaft, so wird ein Vertrag geschlossen. Ein Schulvertrag bietet Schutz, denn hier geht es um eine Leistungsverpflichtung beider Vertragspartner. Aber ein Vertrag schützt auch den eigenen Kompetenzraum vor Übergriffen der jeweils anderen Seite.
Vater:
Wenn Sie den Vertrag ansprechen…nun…die Waldorfschule kostet ja auch Schulgeld.
Lehrer:
Neben den öffentlichen Geldern ist der Elternbeitrag ein entscheidender Beitrag. Eltern tragen etwas zum Gelingen der Erziehung bei. Sie kaufen hingegen keine Leistung im üblichen Sinne ein. Durch den finanziellen Ausgleich ermöglichen Sie unserer Aufgabengemeinschaft die Erziehung Ihres Kindes. Sie machen es also möglich, Waldorfschule wahr werden zu lassen.
Vater:
Also bedeutet es für alle Beteiligten, stets an sich selbst, und an den Strukturen des Zusammenlebens zu arbeiten, auch um Erneuerungen zu ermöglichen.
Lehrer:
Richtig! Im Übrigen stehen die Felder auch in Bezug zueinander. Die Aufgabe leisten zu können erfordert z.B. den finanziellen Ausgleich usw.
Vater:
Ihr Verfahren beinhaltet noch weitere Gestaltungsfelder?
Lehrer:
Ich versuche das wichtigste der 5 unteren Felder gerafft zusammen zu fassen:
Verantwortung aus Erkenntnis. Dabei geht es im Wesentlichen um die Grundlagenarbeit an geistigen Quellen, um daraus Einsichten zum verantwortlichen Handeln zu gewinnen.
Die individuelle Entwicklung aller Beteiligten verwandelt in der Reflektion den Einzelnen und auch die Gemeinschaft.
Im gegenwartsgemäßen Handeln kommt es darauf an, sich in der Erneuerung den Veränderungen z.B. in der Gemeinschaft zu stellen.
Individualität und Gemeinschaft: Einzelne Menschen tragen auch einiges von außen hinein. Umgekehrt wirkt die Gemeinschaft auf mich als Individuum zurück. Damit sind wir bei der Gemeinschaft als Schicksals-Gemeinschaft. Da es ja eben nicht nur um Arbeitsinhalte, sondern auch um die Biografien der Beteiligten geht, ist auch das verantwortungsvolle Mitdenken und Mitwirken aller Kollegen wichtig.
Das Verfahren „Wege zur Qualität“ ist ein richtungweisendes Hilfsmittel mit festen Handlungsbereichen (den Gestaltungsfeldern).
Die konkrete Arbeit damit bewirkt, dass Prozesse in der Gemeinschaft gut gegriffen, und sauber ablaufen können. Aber auch für jeden Einzelnen und sein direktes Arbeitsfeld (Fachkollegium / Hort / Gremien und Delegationen) bietet das Verfahren einen guten Halt – einen Wanderstab zum Beschreiten der vielfältigen Wege, die da vor uns liegen.
Vater:
Nun, ich denke, ich habe das Anliegen dieses Verfahrens erst einmal im Groben verstanden.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit der weiteren Anwendung und sicher werde ich als zukünftiger Schulvater auch die Möglichkeit erhalten mich an diesen interessanten Prozessen zu beteiligen.
B. Brande / A. Diehm

